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"Schneeflockensplitter"

Eine Kurzgeschichte von Kea van Os

Zum Abschluss einer Unterrichtsreihe zu Bedingungen und Problemen von Kommunikation, in welcher vor allem kommunikatives Verhalten in Kurzgeschichten untersucht wurde, haben Schülerinnen und Schüler der Jgst. EF eigene Kurzgeschichten, in welchen eine Kommunikationsstörung thematisiert wird, verfasst. Dabei sind zahlreiche kreative Ergebnisse entstanden, die ihre Leserinnen und Leser zum Nachdenken anregen. Ein Beispiel ist die von Kea van Os verfasste Kurzgeschichte "Schneeflockensplitter".
 

Schneeflockensplitter (Kea van Os, 2020)

Ich weiß, dass ich einen anderen Weg hätte nehmen können, aber ich konnte nicht.

Die Luft war eisig und Schneeflocken fielen sanft und leise auf die dicke, weiche Schneedecke. Der Mond brach zwischen den Wolken hervor und tauchte die Straße in einen schwachen, silbrigen Schein. Dort vorne stand sie, zusammen mit anderen Jugendlichen, die ich nicht kannte. Ihr lautes Gelächter zerriss die schwere Stille, die jedoch danach noch lauter schien und in mir Unmut weckte.

Ich konnte nicht einfach gehen.

Sie wirkte anders, etwas hatte sich an ihr verändert. Irgendetwas. Ich wusste nicht genau was, aber sie schien mir auf einmal so fremd. Langsam lief ich weiter, die Hände tief in den Taschen vergraben. Einige, die um sie herum standen, drehten sich zu mir um und musterten mich neugierig. Verunsichert blieb ich stehen und lächelte zaghaft. Leider konnte ich keinen Anflug von Freude in ihrem Gesicht sehen. Ihr kalter, abweisender Blick durchbohrte mich. Sie hob erstaunt eine Augenbraue.

„Ah, hey.“ „Hey“, erwiderte ich leise. Was war nur mit ihr los? Vor ein paar Wochen war die Welt noch in Ordnung, doch nun behandelte sie mich wie einen völlig anderen Menschen. Einen Menschen, den sie verabscheute. Dieses ungute Gefühl in meinem Bauch wurde stärker. Sie räusperte sich und trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. „Was machst du noch so spät hier draußen?“ Der spöttische Ton in ihrer Stimme war nicht zu überhören. „Einkaufen. Du?“, entgegnete ich knapp. „Mit Freunden treffen, sieht man doch.“ Bildete ich es mir nur ein, oder verdrehte sie ihre Augen? Die anderen fielen in ein betretendes Schweigen. So kann das doch nicht weiter gehen. Seit Wochen geht das so. Ich muss sie darauf ansprechen.

Ich atmete tief ein und aus. Mein Atem kräuselte sich in der Luft. „Kann es sein, dass du irgendein Problem mit mir hast?“

Sie wandte sich von mir ab und betrachtete den Schnee unter ihren Füßen- „Nein. Weißt du, dass werde ich dir nicht sagen. Das weißt du schon selbst.“ Sie drehte ihren Kopf wieder zu mir. Verdattert schaute ich sie an. „Außerdem störst du mich gerade. Mach, dass du verschwindest.“

Diese Worte schienen mich wie ein Faustschlag in den Magen zu treffen. Die Schneeflocken, die mein Gesicht vorhin noch so sanft berührt hatten, fühlten sich nun an wie kleine, scharfe Scherben, die tief und schmerzvoll in meine Haut schnitten. Ihre Augen blitzen mich voller Hass an. Alles um mich herum erstarrte, der Schnee, der vom schwarzen Nachthimmel fiel, die Geräusche, die einzelnen Menschen, die von ihrer Arbeit nach Hause eilten.

Wie in Trance drehte ich mich um und lief nach Hause. Als ich die Haustür öffnete, war mein Gesicht nass und mein Herz schwer. Ich hielt mir die Ohren zu, doch diese hasserfüllte Stimme dröhnte unablässig.

Warum nur?

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